KREFELDER SEGLER-VEREINIGUNG 33 e.V.
Mitglied Des Deutschen Segler-Verbandes
Stützpunkt Der KA
Mitglied Nr. 008 Im Seglerverband NW
5.3. 2009 Kalkutta
Im Hexenkessel der Innenstadt tobt der Verkehr, unglaubliche
Lautstärke, ich laufe eine Weile und gehe in mir verloren. Die Bilder
durchfluten mich und hinterlassen Narben
,
nicht nur die Füße, eigentlich schmerzt in mir alles, auch die Seele.
Ich bin erschlagen von dem Leben, dem leben wollen und müssen. Auf
engstem Raum, der ganze Alptraum dicht gedrängt. Das Tierische der
Menschheit liegt aufgebahrt, präsentiert, ungeschminkt, wehrt sich,
mischt sich in die Ordnung der Zivilisation. Tausende unter den Brücken,
in den Rinnsteinen, Menschenbündel, Schmutz, Gestank, Fäkalien, Familien
auf einem Flecken Pflaster im Gewühl.
Solidarität mit den Armen, die Mildtätigkeit, die Versuche die 15
Millionen Metropole in die Zukunft zu betonieren sind auch alle
sichtbar, die Metrolinie, tausend neue, schicke Fassaden in den
Außenbezirken, Bauboom. Verstörende Widersprüche, Schuhputzer am Handy,
schicke junge Mädels vom barfüßigen Rikschafahrer durch die Fäkalien
gezogen. Sportgruppen im großen Park der Innenstadt, ein paar
Prachtbauten der Kolonialgeschichte, fast entfremdet, vom Rest der nahen
Realität mit Grünflächen abgeschirmt, Ziegenherden in der Innenstadt.
‚Useless, but busy’, steht auf einem T-Shirt, dessen Träger energisch
vor mir geht - ist das die sarkastische Zusammenfassung des Molochs,
oder soll ich auch die zahlreichen Künstler, die pulsierende
Kulturszene, die fast unglaubliche Anpassungsfähigkeit der Inder an
diese Verhältnisse und die Aufrechterhaltung eines Zustandes noch in den
Absatz werfen, den man soziale Stabilität nennen könnte, wenn es nicht
so anrüchig klänge? - ich weiß es nicht, man, ich habe keine Ahnung.
Wenn Kalkutta ein Zukunftsteleskop wäre, ein spiegelnder Blick in
zahllose urbane Zentren einer weiter unkontrolliert wachsenden
Menschenmasse, eher also das Zukunftsmodel eines ausgereizten
Menschenzuchtplaneten?
Kalkutta lässt sich nicht erlaufen, ich geh, und geh verloren, bin nach
einer Weile gänzlich erschöpft und zieh mich ins Hotelzimmer zurück.
Nach drei Tagen Kalkutta brauchte ich eine Pause.
Die Sunderbans, das Delta des Ganges,
mit dem Bus südlich aus der Stadt, durch einen
Landstrich, der bestialisch stinkt, dort wo die Abfälle der Stadt nach
und nach getrennt und sortiert werden, die allerletzten Reste dann in
riesigen Öfen verkokeln und die Asche wieder verkauft wird und als
Dünger zurück auf die Felder kommt. Die Abfallstadt, in der schon die
Durchfahrt erschüttert.
Dann die Sunderbans, wohl größtes Mangrovengebiet der Welt, das
Gangesdelta, Wasserwelt, wieder drei Tage auf einem Schiff, welch eine
Wohltat! Natur pur, nachts vor Anker im Tidengewässer, tagsüber durch
die endlosen Kanäle und Flussläufe, mit dem Fernglas vor Sonnenaufgang auf dem Vordeck, kleine Wanderungen in die
Schutzgebiete. Wieder ein Land des Wassers mit Menschen, die so nah an
der Natur leben, wie ich das bisher selten gesehen habe. Der Kontrast zu
Kalkutta maximal.
Es sind etwa 18 Gäste an Bord und etwas weniger Personal, das Schiff ist
etwa 25 Meter lang und 6 Meter breit gut ausgenutzt für mehrtägige Reisen in dem riesigen Delta des
magischen und heiligen Flusses, der hier im Gezeitengebiet die Träume
und Alpträume des Lebens von vielen Hundert Millionen Hindus im
unendlichen Lauf der Geburt, Tod und Wiedergeburt verkörpert. Es gibt
eine abgeschlossene Kabine an Bord und mehrere durch Vorhänge
abgetrennte Etagenbetten, die Duschen und Toiletten sind separat. Man
hört viel vom Anderen, aber man lernt auch einige kennen. Die Inder an
Bord sind etwas älter und alle sind Bengalen, bis auf eine Engländerin,
die zusammen mit ihrem indischen Ehemann reist.
Es ist eine lebhafte und fröhliche Stimmung an Bord. Es gibt viel und
oft zu Essen, doch immer die gleiche Malzeit.
Als das Empire 1946 überstürzt das Juwel aller Britischen Kolonien
verließ, wurde durchaus mit der Unterstützung der jungen, indischen,
regierenden Elite eine Problemlösung für die gewalttätigen Konflikte
zwischen den Hindus und der Minderheit der Moslems gewählt, die
Konsequenzen haben sollte: Die Teilung des Subkontinentes in 2
moslemisch dominierte Länder, nämlich Pakistan und Ost-Pakistan (heute
Bangladesh) sowie das hinduistisch dominierte Indien. Man erhoffte sich
den Frieden und teilte nach kolonialistischer Tradition die Weltkarte
nach bestem, aber längst nicht ausreichendem Wissen.
Auf einem Beobachtungsturm in dem Tigerschutzgebiet stehen die Inder,
mit denen ich auf dem Schiff fahre und schauen über das breite Wasser
auf die andere Seite. Ich frage wofür denn dieser Aussichtspunkt
eigentlich gebaut wurde, da man auf keinerlei Wasserlöcher und keine
anderen Anzeichen von Tigeraufenthalten blicken kann. Wir blicken nach
Ost-Bengalen, dem heutigen souveränen Staat Bangladesh.
Die Antworten sind sehnsüchtige kurze Erläuterungen der Trennung des
traditionsreichen Landes Bengalen, ein Land mit einer Sprache und
Identität, aber mit zwei großen Religionen. Eine Trennung die wie die
deutsche Teilung als tragisch angesehen wurde, als vermeidbar, aber
mittlerweile unwiderruflich. Ein Teil Bengalens nach Indien und ein Teil
nach Bangladesh, per Erlass, Grenze durch eine Inselwelt im
Mangrovenland, zwei Staaten mit
vielen aktuellen Spannungen. Bengalische Blicke übers Wasser zur
gemeinsamen Vergangenheit, wie die Besuche und Feldstecher an der
Zonengrenze bis 1989. Wir Deutschen haben wohl ein hohes Maß an
Verständnis für die Teilungsbiografien.
Die Sunderbans sind allerdings auch aktuell eine Region in der langsam
ansteigender Meeresspiegel extreme Anstrengungen der Bevölkerung zur
Erhaltung des uralten Siedlungsraums erzwingt. Von den sehr flachen
Inselchen sind längst nicht alle bewohnt, aber dort wo Menschen leben
hat man die Deiche überproportional erhöht und die Häuser verschwinden
dahinter. Das Material für den Deichbau kommt allerdings nicht von
weither, sondern wird direkt hinter dem Deich aus einem immer tiefer
werdenden Loch gegraben. Dieses Loch ist der Süßwasserspeicher, die
Fischzucht, die Spülmaschine, die Badewanne und vieles mehr. Das Loch
ist die Lebensader direkt neben dem einfachen Haus und hinter dem Deich.
Doch trotz der Anstrengungen versalzen die uralten Teiche, zu tief das
Loch in der Erde, zu hoch die salzhaltigen Gewässer im Tidengebiet. Das
Schicksal hat schon viele verarmte Bauern in die nahen Elendsviertel der
Stadt getrieben.
Wir schippern durch kleine und große Arme des Deltas, wir schauen mit
den Feldstechern, sehen unter anderen Fischotterfamilien und Hirsche bis
zum Bauch im Schlick, aber der König dieser Gegend bleibt der Bengal-Tiger.
Sehen können wir ihn leider nicht, eindeutige Spuren sind die prächtigen
Zeugnisse seiner Anwesenheit. Die Regierung zahlt Prämien für die
Hinterbliebenen, falls es zu einem Tigerangriff auf Menschen kommt. Die
beiden Raubtiere kommen sich in den Sunderbans einfach zu nahe auf immer
kleiner werdendem Lebensraum. Die bis zu den Oberschenkeln im Schlick
wie Ochsen vor Schlicknetzen eingespannten Frauen denken bestimmt
häufiger an die großen Raubtiere, die immer weniger Hirsche, ihre
Lieblingsspeise, auf den menschenleeren Inseln finden und dann
irgendwann wegen Hungers die Gangesarme durchschwimmen und neue
Futterquellen suchen.
9.3. Kalkutta
Wieder zurück, aber irgendwie auch am Ende!
Das Fenster meines Zimmers liegt an der Old Free School Street, heute
Mirza Ghalib Street im alten Stadtteil Chowringhee. Die Straße ist
aufgerissen, etwa 20 Leute mit Hacken und Schaufeln wühlen über eine
lange Strecke die Straße auf und reparieren im Untergrund an Leitungen.
Die Dreckhaufen versperren den Weg über die Bürgersteige und engen die
Straße erheblich ein, der Verkehr quält sich zusammen mit den Fußgängern
und zahllosen Rikschas durch
das enge Band. Wenn die Löcher wieder zugeschüttet werden, bleiben ganze
Dreckberge erhaben liegen, da der Boden kaum verdichtet wird. Ein paar
Meter weiter Richtung der
noblen Parkstreet, mit hippen Läden und Büros der Fluggesellschaften,
Telefongesellschaften und noblen Restaurants, leben einige Familien
teils unter Plastikplanen teils ohne, auf der Straße. Sie wühlen im
Müll, sortieren den ganzen Unrat, oder betteln. Es gibt kleine
Garküchen, Zuckerrohrpresser, Fruchtstände, Schuhputzer,
Handyreparaturen fehlen natürlich nicht und viele weitere Kleinstläden. Bettler und Menschen, die auf dem
Boden regungslos liegen und schlafen oder vielleicht schon tot sind?
Direkt gegenüber ist eine der zahllosen Wasserstellen, eine Art gusseiserne
Pumpe mit langem, gebogenem Pumpenschwengel, wie wir sie als Gartenpumpe kennen. Die Pumpe ist
dauernd in Betrieb. Irgend jemand füllt Kanister oder ganze Ziegenhäute,
wäscht sich, spült Geschirr oder trinkt einfach. Direkt hinter der Pumpe ist eine der vielen Garküchen, ein Lager für jemanden, der
leere Pflanzenölkanister sammelt und weiterverkauft, sowie ein
Fruchtsaftladen, es sind auch gleichzeitig die Nachtlager der Leute, auf
kleinstem Raum hinter und unter irgendwelchen Fetzen. Rikschafahrer, die
ihre Einspänner für die Nacht parken, ihre Kleidung unter der Pumpe
waschen und an einer Häuserwand aufhängen und dann hinlegen, Krüppel,
die zwischen den zahllosen
Passanten kriechen.
Die Häuser sind dreistöckig, haben ihre besten Zeiten wohl nie gesehen,
teils völlig verschlossen und baufällige Ruinen. Ein paar Hundert Meter
weiter wird aber mächtig investiert, die Bauarbeiter liegen in der Nacht
auch unter Planen am Straßenrand. Die Pumpe ist das soziale Zentrum. Am Morgen sieht es aus wie
eine öffentliche Waschanstalt.
Ich sehe aber nur Männer und Kinder, wo waschen sich wohl die Frauen? Ab und zu fällt der Strom aus,
die vielen Generatoren werden angeworfen, das Brummen und Dröhnen wird
zum Dauerton,
Der Strom kommt wieder. Das Leben geht bis spät in die Nacht, jede Menge
Hunde und Katzen werden langsam aktiv. Wie es mit den Ratten steht, wenn
die Hektik nachlässt, kann man ahnen. Vor der Garküche erkenne ich erst
spät einen Fahnenmast mit Hammer und Sichel auf roten Grund, der rußig
graue Schleier, der alles überzieht, hat auch den Stoff stark
mitgenommen. Ich sehe aus dem Fenster und schaue zu. Kann mich irgendwie
nicht trennen von dem Treiben, fotografiere und spanne. Die Kakophonie des Tages nimmt langsam ab. Aber
manche Geräusche sind hier auch völlig fremd, die Martinshörner der
Polizei, die Sirenen der Krankenwagen, dröhnende Musik aus Hindutempeln
oder der Muezzin, fehlen gänzlich. Es ist immer noch heiß, aber die
Kühle der Nacht zieht langsam auf, das einzig wirklich erfrischende
dieses Tages. Gegen Mitternacht kommen die Armeen von Lastwagen in die
Stadt, am Tag verbannt, versorgen sie den Moloch mit jeglichen
Brennstoffen für das urbane Feuerwerk des nächsten Tages. Gegen zwei Uhr
morgens rumpeln ein paar Feuerwehrwagen mit Glockengeläut durch die
Gassen, aus dem Tankwagen schwappt das Wasser, ich überlege, ob ich bei
Feuer im Hotel irgendeine Chance hätte und versuche beunruhigt wieder
einzuschlafen.
Dem Tag wird ein Neuer folgen, schon bald erwacht Indien aufs Neue wie
schon Jahrtausende, gute Nacht Indien, gute Nacht Ganges.
Hilmar Bockhacker