KREFELDER SEGLER-VEREINIGUNG 33 e.V.

Mitglied Des Deutschen Segler-Verbandes
Stützpunkt Der KA
Mitglied Nr. 008 Im Seglerverband NW

Urlaub auf der Werft

Liebe Freunde der Realität, liebe Freunde der Südhalbkugel und Nordhalbkugel, seit einem Monat liegen wir nun unter der Adresse Duisburg-Meiderich, Neue Ruhrorter Schiffswerft, Schlickstraße 15, Schrottinsel, hoch und trocken auf der Helling (schräge Ebene auf der man die Schiffe seitwärts auf Land zieht.)

Unser Globus scheint voll zu sein von Parallelwelten und örtlich zwar nahen, aber vermeintlich fernen Galaxien, in den Menschen Ihr gesamtes Leben verbringen können ohne von den Nachbarwelten viel mitzubekommen. Ein guter Kandidat für die Aufnahme in das Weltkulturerbe für eine solche Mitgliedschaft im illustren Kreis der parallelen Lebens- und Arbeitswelten ist das Gelände der Neuen Ruhrorter Schiffswerft. Wir mussten leider wegen ablaufender Zulassung (TÜV fürs Schiff) aufs Trockene, haben unsere Animo also nach Duisburg gefahren und sind auf drei „Schlitten“ dann aufs Trockene gezogen worden. Man redet hier über uns als die mit dem „Bötchen“, da alles um uns rum deutlich größer ist und wir nur die „Lücke“ füllen. Das ist für die Kosten gut und unser Ego hat es auch verkraftet. Das Projekt vor uns ist ein Neubau eines Schubleichters, der mit etwa 100 Meter Länge und 10 Metern Breite ja wirklich auch schon in eine andere Kategorie fällt. Den Weg zumWasser aber versperrt uns ein nicht motorisierter Autotransporter der etwa die gleichen Ausmaße hat wie der Neubau.
Vor vier Wochen begannen die Arbeiten an diesem Projekt mit dem Abspritzen des Lacks mit etwa 1500 bis 2000 bar Wasserdruck. Hierbei handelt es sich um Geräusche die ohne Micky Mäuse kaum und mit nur kurzfristig erträglich sind. Die Strahlarbeiten hielten aber über viele Tage an! Kennt Ihr die verklärten Blicke der reifen Männer mit Auto-Motor-Sport Ambitionen am Sonntag bei der Formel 1 Übertragung? Dann müsst Ihr Euch nun die Geräuschkulisse dazu vorstellen, die hochgezüchteten Rennwagenmotoren, die immer auch die Verwandtschaft zu mutierten Nähmaschinen hören lassen, dieses Geräusch, ja genau dieses nur nicht für Memmen und Schattenparker, sondern für Männer mit langjährig entwickelten Hörschäden – dies Geräusch begann am Morgen früh und endete am Abend spät – eine wahre Prüfung. Auch fährt ein großer Kran direkt neben uns teils mit tonnenschweren Lasten über unserem „Bötchen“ und starken Vibrationen bis in unseren Rumpf, Ja auch ansonsten handelt es sich hier um echt heavy metal und eine Werft in der ab 7:00 die Kräne fahren, erste große Hämmer Stahl bearbeiten und ziemlich raue aber herzliche Leute ihre schwere Arbeit verrichten. Wir konnten doch so einige kennen  lernen und die Distanzen abbauen.  Leichter fällt das wenn man ähnlich wie die Leute dreckige Arbeitsanzüge trägt, alle duzt, zumindest etwas Schweißen kann und ab und zu mit größeren Hämmern auf dem Gelände gesehen wird. Die Leute arbeiten oft lang im Dreck unter den Schiffen, seit 48 Jahren erzählte mir Rudolph, Baujahr 1944, sei er nun im Werfbetrieb. Ich saß bis um 22:00 auf der Brandwache und habe mir versucht vorstellen, wie sein Leben so war, kaum Schule und dann immer Schichtarbeit auf Werften, bei jedem Wetter unter den Rümpfen und oft über Kopf-Schweißarbeiten.
Die Werkbänke und Aufenthaltsräume sind gepflastert mit vollbusigen Schönheiten und die Frauen in der Verwaltung haben eigene Parkplätze. Eine weibliche Fachkraft gibt es bisher nicht! Gustav der hinkende Kranfahrer, hat nach einem schweren Arbeitsunfall nur mit Glück sein Bein behalten, hinkt stark, aber fotografiert gern aus seinem Kranfenster, schaut doch mal die Fotos in der Anlage, damit Ihr Landratten einen Eindruck bekommt!
Ja die erste Woche haben wir noch genossen, die Arbeitstage früh begonnen und den extrem exotischen Reiz der Umgebung genießen können. Aber danach wurde es immer schwieriger dem Werftgelände den Clubcharakter abzunehmen. Da einige Schweißarbeiten fällig waren mussten wir die Schränke ausleeren und die Verkleidungen abbauen, die Bodenbretter ausbauen und den Zugang zu den Bodenplatten öffnen. Wir haben zwischenzeitlich 5000 Liter Wasser in den Rumpf laufen lassen um Dichtigkeit zu prüfen. 90 Jahre alte Nieten haben die Angewohnheit irgendwann durchzurosten und damit hatten wir schon vor 6 Jahren beim letzten Werfturlaub recht viel Arbeit. Nieten zu schweißen ist übrigens die hohe Kunst und nach langem Betteln um Ulli den Meisterschweißer aus Oberschlesien, konnten wir Ihn dann bewundern wie er mit allen Tricks die alten Nietköpfe auch dann verschloss wenn Ihm von oben das Wasser im fetten Strahl entgegenkam.
Einige Ausbesserungen an den Fäkalientanks, dem Propellertunnel, der Außenhaut, dem Bugstrahlruder und natürlich dem Anstrich liegen nun hinter uns. Außerdem haben wir die Umgebung erradelt, den Meidericher Stadtpark, den Innenhafen, den Rhein-Herne Kanal nach Oberhausen, die Ruhr nach Mülheim und einige Strecken mehr. Ja Duisburg, so nahe an unserem Heimathafen und doch so anders, die Werftwelt, ein echter Club-Urlaub, Club-Werft eben, mit Dusche für die Kunden, die hier durchaus respektvoll mit Schiffer angesprochen werden, und „Schraubenschlüsselmassen von 220 oder 400“ die sooo respektvoll deutlich jenseits der Baumarktgrenze liegen - und vielen Polen  und Leiharbeitern, die auf heftigste Art Ihr Geld verdienen, die in aller Frühe schon lautstark schikaniert werden und einen superharten Job aushalten müssen.
Ja dieser „Cluburlaub“ war wirklich all inclusive, geht auch nun glücklicherweise zu Ende. Wieder eine dieser Galaxien, direkt nebenan, auf der Nordhalbkugel, ohne Fernreise zu erreichen.
Bis bald liebe Freunde der Realität, wir melden uns von der nächsten Parallelwelt, in die wir schlingern dann mal wieder.
Beste Grüße
Hilli & Catha & Bootsman